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Keine Ehrungen für Nationalsozialisten

In Merzig ist es jemandem gelungen, den Stadtrat auf einen Esel zu setzen, und dazu zu bewegen, einen Platz nach dem "Heimatforscher" Kell zu benennen. Der Bürgermeister hat natürlich einen großen Hype daraus gemacht. Er hätte besser Nachdenken sollen was er da tut. Es ist ein Affront gegen jeden überzeugten Antifaschisten.

Es gehört nicht viel Wissen über den Nationalsozialismus dazu, um zu begreifen, dass auch Kell ein überzeugter Nationalsozialist war. Einen weiteren Beweis seiner Gesinnung ist das 1958 erschienene Buch von Kell "Geschichte der Stadt Merzig und des Merziger Landes". Kell war sicher kein Kriegsverbrecher, aber er hat sich durch sein Verhalten schuldig gemacht. 

Es gibt in Merzig und den Stadtteilen einige Menschen, die es mehr verdient hätten gewürdigt zu werden. Menschen die wegen ihrer Gesinnung in Konzentrationslagern waren oder auch trotz der drohenden Gefahr, versucht haben Juden und anderen Menschen zu helfen.

Kell mag ein verdienter Heimatforscher sein, hat aber durch seine Rolle in der NS Zeit und sein 1958 erschienenes Buch, diesen Bonus verspielt.

Gerade die CDU hätte angesichts der eigenen Wurzeln sensibler mit diesem Thema umgehen müssen.

Deswegen sollten sich die verantwortlichen Damen und Herren merken: Schuldig wird man nicht nur durch aktives Handeln, sondern auch durch wegsehen und schweigen.

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Um die Rolle des Schulrates Kell besser zu verstehen, muss man sich mit den Zuständen des Schulsystems in der Zeit 1935 bis 1945 befassen. 

Die Schule im Nationalsozialismus

1935 wurde von den Schulräten die Neuordnung der Stellung der Schulleiter auf völlig neue Grundlagen gestellt.

Arbeit im Geiste nationalsozialistischer Staatspflege

Bekenntnisse zur nationalsozialistischen Weltanschauung

Eintreten für echte Gefolgschaftsgesinnung

Das Gesetz vom 25. April 1933 über die Zulassungsbeschränkung für jüdische Schüler wurde auch hier durch die Schulämter und die Schulleiter willig umgesetzt.

Zur gedeihlichen Erziehungsarbeit und zur rassischen Übereinstimmung von Lehrern und Schülern an der Saar, wurde von den Schulämtern  die Rassentrennung ab 1936 angeordnet.

1937 wurde die Gemeinschaftsschule von den Nationalsozialisten eingeführt. Gleichzeitig wurden die Schulaufsichtsbezirke neu geregelt.

Merzig mit 200 Schulstellen: Kreisschulrat Kell,                                               

Der Zuständigkeitsbereich umfasste die Bürgermeistereien Mettlach, Merzig - Stadt und Land, Hilbringen, Rehlingen, Kerprich - Hemmersdorf, Dillingen und Hausstadt 

Kriegsende 1945

Die Epurationsakten nach 1945 führen zur damaligen Schulsituation aus. An den Volksschulen waren fast zu 100% die Lehrer Mitglied in der NSDAP und viele auch in der SA und SS.

An den Höheren Schulen waren von rund 500 Lehrkräften bis Sommer 1945 175 noch nicht aus dem Krieg zurück gekehrt. Von den verbliebenen 325 Lehrern waren nur 80 nicht in der NSDAP oder einer sonstigen nationalsozialistischen Organisation. Hierrunter waren Karl Bröckerhoff der Kell als Schulrat ablöste und Frau Dr. Maria Kiefer, die 1948 Rektorin des Peter Wust Gymnasium wurde. Von den restlichen 250 Parteimitgliedern wurden im Sommer 1945 bei der Eröffnung der Schulen 50. die nur einfache Parteimitglieder waren, vorerst  als "tragbar" und etwa 12 als "untragbar" bezeichnet.      

Untragbar war z.b der Rektor der Volkschule Jakob Meyers und der Studienrat Franz Hagelücken , beide wurden aus dem Saarland ausgewiesen.


Nach Zeugenaussagen im Rahmen der Ermittlungen wegen den Verbrechen in der Reichspogromnacht, waren  an der Zerstörung der Synagoge und  an der Zerstörung des jüdischen Friedhofes, viele Schulkinder beteiligt.

Aus den Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft Saarbrücken 

Nach den getätigten Ermittlungen kommen bei vorliegender Strafsache nur Kinder zwischen 10 und 15 Jahren infrage, die von Erwachsenen angestiftet b.z.w. angeführt wurden.(Anm. Bei den Kindern handelte es sich um die Schuljahrgänge 1923 bis 1928)

Da ergeben sich einige Fragen

Was hat Schulrat Kell unternommen, dass jüdische Kinder nicht mehr unterrichtet werden dürfen?

Wo hat er dagegen interveniert?

Was wusste der Schulrat davon?

Waren die Aktivitäten Von Hagelücken und Meyers ohne Wissen oder Duldung des Schulrates möglich?

Was hat der Schulrat unternommen?

Welche Konsequenzen hatte das für die betroffenen Schüler oder Lehrer?

Laut Aussage des Lehrers Peter Lambert ,hat Rektor Meyers die Schüler die am Pogrom beteiligt waren gekannt. Es wäre also für Kell leicht gewesen die Schüler zu bestrafen.

War die Aktion ohne Wissen des Schulrates überhaupt möglich?

Hat der Schulrat gegen die Aktion protestiert? Oder hat er die Teilnahme an dem Pogrom gebilligt?

Hat er Rektor Meyers oder Studienrat Hagelücken wegen ihrer Rolle in der Reichspogromnacht belangt? (Hagelücken und Meyers wurden von den französischen Militärbehörden aus dem Saarland ausgewiesen)

Wieso wurde Kell als Schulrat von dem unbelasteten Karl Bröckerhoff abgelöst?

Wieso wurde Kell vom Schulrat zum Studienrat degradiert?

Wieso ist Kell Studienrat a.D?  Er ging doch als Studienrat in den Ruhestand.

 

                                                                                                                   Quelle: Heimatbuch 1938

Kell war, wie sein Neffe auch schreibt, ein Verfechter des Anschlusses an das Deutsche Reich. Das er aus dem Nationalsozialismus nichts gelernt hat, beweist er in der Neuauflage seines Buches Geschichte der Stadt Merig und des Merziger Kreises von 1958. Dort geht es direkt vom Wiener Kongress zum Jahr 1955. Die jüdische Geschichte, NS Zeit oder der großartige Gustav Regler, wird nicht erwähnt. Soll das seriöse Heimatforschung sein?

 

Quelle: Archiv des deutschen Buchhandels Band 54

 

Ein Neffe von Kell hat mir diese Mail geschickt und bestätigt damit, was schon bekannt ist.

(Danke für die Unterstützung. Die Personalakte wird demnächst auf dieser Seite veröffentlicht)

 

 

 

Der Nachfolger von Kell, der unbelastete Karl Bröckerhoff

Bröckerhoff Karl             

Schulrat und Dozent

* 1898 in Düsseldorf

† 1996 in Merzig

 o     1924-1925 Tätigkeit als Lehrer in Alsweiler bei St. Wendel

o     1925 Wechsel als Lehrer nach Eppelborn

o     1935 Übernahme der Leitung der Eppelborner Volksschule

o     1937 Amtsenthebung wegen Widerstand gegen das NS-Regime

o     1942-1945 Rektor des Mädchensystems in Eppelborn

o     1945-1958 Schulrat in Merzig

o     1958-1964 Dozent für mathematische Didaktik an der Peter-Wust- Hochschule in Saarbrücken

o     1988 Auszeichnung mit der Verdienstmedaille der Gemeinde wegen der Ablehnung der Christlichen Gemeinschaftsschule 1937

 

Quelle: Saarländische Biografien

Das es noch mehr aufrichtige und anständige Lehrer gab, zeigt dieser Artikel von Florian Russi 

Drei mutige Damen

Florian Russi

 

Dr. Maria Caspar, Dr. Helene Hilger, Dr. Maria Kiefer

Im Jahr 1935 hatten sich die Saarländer bei einer Volksabstimmung mit großer Mehrheit für einen Anschluss an das Deutsche Reich ausgesprochen. Dort herrschten seit 1933 Adolf Hitler und seine NSDAP. Es dauerte nicht lange, da hielten sie auch das Saarland voll im Griff. Alle leitenden Postionen wurden von Nationalsozialisten besetzt und vor allem von den Lehrern wurde erwartet, dass sie das Gedankengut der neuen Herren unter ihren Schülern verbreiteten.

Am Mädchenrealgymnasium in Saarlouis, dem heutigen Robert-Schuman-Gymnasium, unterrichteten damals drei Lehrerinnen, die hohen Respekt genossen und miteinander befreundet waren. Alle drei kamen aus dem, wie sie es nannten, Kampfstudentinnentum, d. h. sie gehörten zur Generation der frühesten weiblichen Studenten in Deutschland. Erst seit Ende des 19. Jahrhunderts hatten Frauen in Deutschland allmählich Zugang zu Universitäten erhalten, zunächst in Baden und Bayern, in Preußen sogar erst ab 1908. Alle drei hatten promoviert, alle drei waren sehr belesen und hoch gebildet. Entsprechend der neuen politischen Lage befassten sie sich auch mit dem nationalsozialistischen Schrifttum.

Im Sommer 1935 kam ein Kollege, der ihnen zuvor als Zentrumspolitiker und engagierter Katholik bekannt war, zu ihnen und sagte: „Hitler hat mit dem Vatikan ein Konkordat abgeschlossen. Jetzt gilt es, dass viele Katholiken in die NSDAP eintreten um sie von innen her auf eine auch für Christen vertretbare Linie zu bringen." Der Mann redete so überzeugend, dass die drei Kolleginnen ihm zusagten, sich bei nächster Gelegenheit im Parteibüro der NSDAP zu melden und einen Aufnahmeantrag in die Partei zu unterschreiben.

Gemeinsam machten sie sich wenig später auf den Weg zur Parteizentrale. Unterwegs meinte eine von ihnen: „Ich lese gerade Alfred Rosenbergs ‚Mythus des 20. Jahrhunderts‘." Rosenberg gehörte zu den führenden NS-Ideologen und war später Leiter des Reichsministeriums für die besetzten Ostgebiete „Er schreibt Dinge", so fuhr die Studienrätin fort, die dem christlichen Glauben völlig entgegenstehen. „Du hast Recht", bestätigte eine andere, auch ich lese gerade in dem Buch. Da heißt es zum Beispiel: ‚Wir ersetzen den christlichen Glauben durch eine Religion des Blutes‘." „Und ich habe mir in den vergangenen Tagen Hitlers ‚Mein Kampf‘ zugemutet", ergänzte die Dritte. Auch dort stolpere ich ständig über Aussagen, die gegen die Kirche und den christlichen Glauben gerichtet sind."

Den ganzen Weg über setzten die drei das Gespräch fort, und als sie schließlich vor der Geschäftsstelle der NSDAP angelangt waren, sagten sie zu sich: Jetzt haben wir ständig Gründe genannt, die gegen die NS-Ideologie sprechen. Wir sollten uns treu bleiben und nicht in die Partei eintreten."

Alle drei waren sich darüber im Klaren, dass ihr Parteibeitritt von der Schulleitung erwartet wurde und sie mit Pressionen rechnen mussten, wenn sie sich dem widersetzten. Dennoch blieben sie bei ihren Bedenken und anstatt in das Parteibüro gingen sie in ein nahe gelegenes Café und feierten ihren Entschluss mit heißer Schokolade und Kuchen.

Als nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im damals von der Christlichen Volkspartei (CVP) regierten Saarland politisch unbelastete Schulleiter gesucht wurden, fiel der Blick auch auf die drei mutigen Damen. Frau Dr. Hilger, sie war eine Tante des damaligen Justizministers Dr. Erwin Müller, wurde Direktorin des Auguste-Victoria-Gymnasium in Saarbrücken, das 1945 in Städtisches Mädchenrealgymnasium umbenannt worden war (heute Gymnasium am Rotenbühl) und das sie von 1947 bis 1954 leitete. Frau Dr. Kiefer wurde 1948 Leiterin des Mädchenrealgymnasiums Merzig (heute Peter-Wust-Gymnasium), dem sie bis 1957 vorstand. Dr. Maria Caspar, die nicht von Saarlouis wegziehen wollte, berief man zur Oberstudienrätin und Stellvertretenden Direktorin am Mädchenrealgymnasium Saarlouis, an dem sie bereits tätig war.

So wurden die Damen unerwartet noch für ihren Mut belohnt. Sie hatten es sich auch verdient. Alle drei waren herausragende Persönlichkeiten und Pädagoginnen

Quelle: Saarland Lese.de

  

Bespitzelung und Psychoterror in der Schule während der Naziherrschaft

 Die Eingriffe in die erzieherischen Kompetenzen durch Parteifunktionäre und die "Einvernahme" der Lehrerinnen und Lehrer nahm in der Folge groteske Formen an:

Leute maßten sich Urteile über schulische Belange an, denen man ihrer Persönlichkeit nach ein Recht dazu absprechen mußte. Neben dem Kreisschulrat standen der Kreis- und der Ortsgruppenleiter als "Hoheitsträger" der Partei. Ihnen folgten der/die Untergauführer(-in), Bann- und Gebietsführer(in) der HJ und des BdM, nicht zuletzt auch der Leiter der "Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt" NSV. Letzterer entschied selbstherrlich bei der Auswahl und Unterbringung erholungsbedürftiger Kinder sowie bei dem Einsatz der Jugend in der Landhilfe und im Landdienst. Die getroffenen Anordnungen waren "dienstliche Befehle" für die Schule, wollte sie sich nicht dem Verdacht einer feindseligen Einstellung gegen Partei und Staat aussetzen. Um in diesen Verdacht zu kommen genügte schon ein falscher Zungenschlag oder ein Wort der Kritik ...

Bespitzelungen auf Schritt und Tritt waren an der Tagesordnung, selbst vor seinen Berufsgenossen war man nicht sicher, soweit sie Parteimitglied waren, denn als Pg. (Parteigenosse) hatten sie ausdrücklich die Verpflichtung übernommen, alles das zur Kenntnis der Partei zu bringen, was als feindselige Einstellung angesehen werden könnte.

Wer sich als Lehrer den Forderungen der Partei widersetzte oder gegen seine "Einvernahme" wehrte oder gar Kritik äußerte, mußte mit dem rücksichtslosen Psychoterror der Partei rechnen, d. h. er war ständigen Drangsalierungen ausgesetzt, wurde zu jeder Tages- und Nachtzeit zum "Verhör" geholt und schließlich der Maschinerie der Gestapo überantwortet. 

Am 24.12.1935 wurde allen Beamten der Bezug der nationalsozialistischen Tagespresse zur Pflicht gemacht. Für uns war das der Bezug der NSZ-Rheinfront, das amtliche Organ des Gauleiters. Zum Oktober 1936 kündigten nun vier Lehrerinnen, die nicht Mitglied des NSLB waren, ihre Abonnements. Dies hatte eine kleine Staatsaktion im Gefolge. Der Ortsgruppenleiter ... erstattete Anzeige bei der Schulabteilung wegen antinationalsozialistischer Einstellung der Lehrerinnen und forderte zugleich strenge Maßregelung (Versetzung!). Der zuständige Kreisschulrat  wurde am 15. 10. durch eine geharnischte Verfügung des Direktors der Schulabteilung aufg-fordert, sofort an Ort und Stelle eine dienstliche Vernehmung der Lehrerinnen vorzunehmen und umgehend Bericht zu erstatten. Röder tat dies in sehr loyaler und zuvorkommender Weise, gab Fingerzeige und Ratschläge über die Formulierung der Verteidigung. Schneller als erwartet traf schon nach wenigen Tagen die Antwort der Regierung ein: Ich freue mich, feststellen zu können, daß die Abbestellung nicht aus Gegensätzlichkeit zum Nationalsozialismus erfolgte und werde mich nun mit der örtlichen Parteileitung auseinandersetzen. Ich bitte jedoch die Lehrerinnen zu überlegen, ob sie neben ihrer Zeitung nicht auch das Organ des Gauleiters (!) bestellen können." Diesem Bescheid der Regierung legte der Schulrat ein persönlich gehaltenes Glückwunschschreiben an den Rektor zur Kenntnisnahme durch die Lehrerinnen bei: Mein Lieber! Heil und Sieg! Wie Du siehst, kann man auch im nationalsozialistischen Staat, wenn man sich zur Wehr setzt, zu seinem Recht kommen

 

Quelle: Horst Wilhelm

 

Quellen:    

Landesarchiv Saar

Saarländische Biografien

NS Politik an der Saar unter Josef Bürckel

Staatskommissar für Politische Säuberung

Staatsanwaltschaft Saarbrücken

                                                                                                                                                                                                                                                                                         

 

 

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