Home
Merzig 1935 - 1945
Pogromnacht  Merzig
Verschwiegene Opfer
Biografien
 In  Merzig  geboren
Verlegungen
Stille Helden
Deportation 22.10.40
Die Blamage
Restitutionsklagen
Zwangsarbeit
Entnazifizierung
Fotoalbum
Nationalsozialisten
Die Chronik
Rechtliches
Quellen
Kontakt-Formular

 Stellvertretend für alle die jüdischen Opfer und der Opfer politischer Verfolgung, stelle ich die Biografien der Familie Bonnem aus Merzig, die des 18 jährigen Emil Bone, der Jüdin Susanna Felsenthal,des ehemaligen Präsidenten der KG Humor Leo Weil und des Hilbringers Valentin Kiefer vor.

 Familie Bonnem

 Die Familie bestand aus sechs Personen, Rebecca  Bonnem 79 Jahre, Marcel Bonnem 40 Jahre, Gustl Bonnem 39 Jahre, Berthold Bonnem 17 Jahre, EditEdith Bonnem 15 Jahre und Rudolf Bonnem 13 Jahre alt 

 Die Familie Bonnem hatte einen kleinen Gemischtwarenladen in der Poststraße 42 (Nach 1945 entstand dort ein Neubau. Heute befindet sich in dem Gebäude die Boutique Fzwo) . Nach der Reichspogromnacht am 9.November 1938, bei der auch die Merziger Synagoge weitgehend zerstört wurde, emigrierte die Familie Bonnem nach Frankreich. Am 14.Juni 1940 besetzte die Wehrmacht Paris und somit war das Schicksal der jüdischen Bevölkerung in Frankreich besiegelt. Nach der Inhaftierung wurde die Familie Bonnem 1942 von Pithiviers und Drancy (bei Paris) in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Bis auf Gustl und Berthold Bonnem, wurde die Familie nach Ankunft in den Gaskammern von Auschwitz ermordet. Gustl Bonnem wurde am 4.Dezember 1942 und Berthold Bonnem am 23. August 1942 in Auschwitz ermordet.

                  Familie Bonnem (Foto: Archiv Regler)

•••

                                                                                                                                                                                                                               

Emil Bone geboren am 16.11.1920 in Brotdorf wohnte in Besseringen, Mühlenstraße 21.

(Hinweis: Dieses Bild ist urheberrechtlich geschützt. Es darf nur mit Zustimmung der Leitung des historischen Museums Saarbrücken verwendet werden.)
 Sein Vater war Mitglied in der SA-Reserve Besseringen. Emil Bone war wohl kein überzeugter Nazi. Es gab öfter Streit mit dem Vater weil er die HJ schwänzte und schließlich gar nicht mehr hingegangen ist. Bone verließ sein Elternhaus und arbeitete in Wipperfürth als Hilfsarbeiter beim Bau einer Talsperre. Über verschiedene Baustellen kam er zurück nach Besseringen und fand Arbeit bei der Firma Ehlen. Er wurde beim Bunkerbau eingesetzt. Bone fasste den Entschluss nach Frankreich zu gehen oder in die Fremdenlegion einzutreten. Um sich dort Vorteile zu verschaffen, fertigte er Skizzen von den Westwallanlagen an und zeichnete in einer Landkarte die Bunker zwischen Mettlach und Beckingen ein. Mit diesen Karten wollte er nach Frankreich fahren. Nach einem Besuch bei seiner Schwester traf er in einem Lokal seinen Freund, den Schuhmacher Klaus Boos aus Brotdorf. Bone erzählte Boos  von seinem Plan und wollte ihn überreden mit nach Frankreich zu gehen.   Boos willigte ein und lockte Bone nach Brotdorf weil er angeblich seinen Koffer holen wollte. Bone wartete vor dem Elternhaus von Boos und wurde am 4.6.1939 zwischen 22 und 23 Uhr von der  Polizei verhaftet.
 

 

Soweit die Aussage von Emil Bone bei der Gestapo Außenstelle Merzig in der Bahnhofstraße. Emil Bone wurde bis zum Prozessbeginn im Gefängnis Frankenthal inhaftiert   

 

 

 

 

 
Unter dem Aktenzeichen l J l49/39g wird Emil Bone vom Oberreichsanwalt am Volksgerichtshof Berlin Dr. Lautz angeklagt.... in der Zeit vom 1 bis 4.Juni im In und Ausland, nämlich in Diedenhofen und Metz sowie in der Gegend von Merzig, es unternommen zu haben Staatsgeheimnisse zu verraten. Verbrechen gegen § 89,88,87,93 und 93a StGB. Es wurde Bone vorgeworfen sich in Metz und Diedenhofen mit Agenten des französischen Geheimdienstes getroffen zu haben und Geld erhalten zu haben. Bone gab zu das er die Skizzen angefertigt hat, stritt aber ab das er in Frankreich war und Kontakt mit französischen Agenten hatte.

 

  Am 25.1.1940  war der Prozess in Berlin. Im Namen des Volkes wurde Emil Bone wegen Landesverrats zum Tode verurteilt.

 

Am 30.3.1940 um 6:05 wurde das Todesurteil durch das Fallbeil in Berlin-Plötzensee vollstreckt. Emil Bone wurde 20 Jahre alt.
Auszug aus dem Hinrichtungsprotokoll: Um 6:05 wurde der zur Vollstreckung vorgesehene Raum betreten. Der Scharfrichter R. meldete dem Ersten Staatsanwalt das er mit seinen 3 Gehilfen zur Vollstreckung bereit sei. Im vorderen Teil des zur Vollstreckung vorgesehenen Raumes befand sich ein mit einem schwarzen Tuch verhangener Tisch auf dem ein Kruzifix und zwei Kerzen standen. Der hintere Teil, in dem das Fallbeil steht, war durch einen schwarzen Vorhang abgetrennt. Die Teilnehmer an der Hinrichtung stellten sich hinter dem Tisch auf. Der Scharfrichter und seine 3 Gehilfen stellten sich vor dem Vorhang auf.
Auf Anordnung des Ersten Staatsanwaltes wurde Emil Bone um 6:10 in den Raum geführt. Dem Delinquenten wurden von 2 Wachtmeister die Hände auf den Rücken gefesselt. Emil Bone wurde das Todesurteil nochmal verlesen. Der Vorhang wurde aufgezogen und der Scharfrichter waltete seines Amtes. Er führte Emil Bone zum Fallbeil und legte ihn mit entblößtem Oberkörper auf das Brett. Der Scharfrichter löste sofort das Fallbeil aus und trennte den Kopf vom Rumpf. Der Anstaltsarzt stellte den Tod fest. Im Protokoll ist vermerkt das es von der Übergabe Bone`s an den Scharfrichter bis zur Vollstreckung nur 12 Sekunden gedauert hat.

Emil Bone starb mutig, im Protokoll steht ...Der verurteilte Bone gab keine Äußerung von sich. Er war ruhig und gefasst. Er ließ sich ohne Widerstreben vor das Fallbeilgerät führen und dort mit entblößtem Oberkörper niederlegen...

Anmerkung: In Berlin-Plötzensee wurden bis Kriegsende 3000 Menschen aus politischen Gründen hingerichtet. Emil Bone konnten sie das Leben nehmen, aber nicht seine Würde.

•••

Susanna Felsenthal

Susanna Felsenthal wurde am 24.März 1873 geboren. Der Vater Maximilian stammte aus Offenbach und war ab 1848 Lehrer an der jüdischen Schule in Merzig. Susanna Felsenthal wohnte im Haus der Geschwister Levy , in der Feldstraße 5 (heute Am Feldchen). Im Rahmen der ersten Evakuierung der Bewohner aus der Roten Zone, wurden auch die noch in Merzig lebenden Juden evakuiert. Am 9.September 1939 kam Susanna Felsenthal in Halle an. Die Juden wurden in der Boelckestraße 24.  untergebracht. Hinter dieser Adresse verbirgt sich die Trauerhalle am jüdischen Friedhof. Nach der Besetzung Frankreichs kehrten die evakuierten Merziger wieder zurück, auch die Juden. Am 22.Oktober 1940 wurden dann die letzten Juden von Merzig im Rahmen der Wagner/Bürckel , nach Gurs deportiert. Darunter auch Susanna Felsenthal. 

 

Auszug aus der Transportliste Susanna Felsenthal wurde irrtümlich als Susanna Felsenstein aufgeführt

 Nach der Deportation wurde der Hausrat und die Bekleidung 1941 durch die Stadtverwaltung für 22,70 RM an die arischen Mitbürger versteigert. Wo und wie Susanna Felsenthal die Deportation und den Holocaust überlebt hat, ist leider nicht bekannt. 1946 kehrte Frau Felsenthal nach Merzig zurück. Sie wohnte in der Straße "Am Weißenfels". Am 21.April 1955 ist Susanna Felsenthal in Merzig verstorben und wurde auf dem jüdischen Friedhof begraben.

Anmerkung: Es ist mir gelungen, dass Haus ausfindig zu machen, wo Frau Felsenthal zuletzt gewohnt hat. Eine ältere Dame aus dem Nachbarhaus konnte sich auch an Frau Felsenthal erinnern. Sie wollte aber erst mit ihrem Sohn reden, bevor sie mit mir reden wollte. Leider hat sie dann ein Gespräch abgelehnt. 

 

•••

Leo Weil, Präsident der KG Humor (Bildmitte)

                                                  

Leo Weil * 24.März 1877  + 30.August 1938 in Merzig. Die Weil`s hatten in der Poststraße (heute Buddelei) ein Geschäft für Damen und Herrenkonfektion , das er von seinem Vater übernommen  hatte.                                                                                                                                                          

Wilhelm Laubenthal schreibt:

Leo Weil war ein angesehener Bürger der Stadt,  der  nach 1936 mutig für die Belange der jüdischen Restgemeinde gegenüber den Behörden eingetreten ist. Er musste  es als besonders schmerzlich empfinden, als er eines Morgens, wie gewohnt sein Geschäft in der Poststraße öffnend, auf dem Bürgersteig das Wort Jude las, während der Nacht mit  roter Farbe  dick hin geschmiert. Leo Weil erlitt einen Herzanfall und verstarb.

 Foto: SR Fernsehen

Zeitzeuge Heinrich Röer 1985 im SR Fernsehen ( Röer war SA Obertruppführer. seine Aussage ist deshalb kritisch zu betrachten)

Der Leo Weil war ein Prachtmensch, ein tadelloser Mensch . 

Eines Sonntagsnachmittags ging ich in die Kaul, an der Theke standen vier Krakeler . Ich entnahm ihrem Gespräch, das sie überzeugte Nazis waren. Da fiel auch das Wort Juden. Ich sagte zu Herrn Weil, es wird Zeit das sie verschwinden. Er guckte mich an und ich sagte, da sind vier  so Krakeler, ich glaube nicht das es gut ist, wenn die merken das hier am Tisch ein Jude sitzt.                                                                                                                 

Die Karnevals Gesellschaft Humor 1878 e.V

Leo Weil war wie viele Merziger Juden in Vereinen aktiv. Leo Weil war 25. Jahre Präsident Der KG Humor und als der Humor 1928 sein 50 jähriges Bestehen feierte, war Leo Weil Ehrenpräsident.   

                                                         Das Jubiläumsfoto von 1928  

Quelle: unbekannt

10 Tage nach der Volksabstimmung 1935 beeilen sich die Humoristen den Juden Weil aus dem Humor auszuschließen. Es wurde bestimmt heisst es im Versammlungsprotokoll vom 23.1.1935, das von unserem Ehrenpräsidenten Leo Weil keine Beiträge mehr eingezogen werden, auch erhält Herr Weil keine Einladungen mehr. Mit einem Sieg Heil auf den Rheinischen Karneval, auf das Deutsche Vaterland und auf unseren großen Führer schloss der Vorsitzende die Versammlung.

Frau Gertrud Lazarus geb. Weil ( Gertrud Lazarus ist mit ihrem Mann Ernst Lazarus nach dem Anschluss an Hitlerdeutschland nach Sao Paulo ausgewandert) erzählt                                                                                 

Wir haben zu meinem Vater immer gesagt komm zu uns, aber er hat geglaubt ihm passiert nichts, weil er so lange Präsident vom Humor war. Deswegen wollte er nicht weggehen. Bei seiner Beerdigung ging niemand mit, nur ein Cousin, der aus Brasilien angereist war. 

Die Zeitzeugin Anna Baur erzählt 
Am 30.August 1938 öffnete Leo Weil wie jeden Tag sein Geschäft. Als er vor die Tür trat , musste er sehen, das an seinem Haus und auf dem Trottoir  mit roter Farbe Jude und Jude raus  geschrieben stand. Herr Weil regte sich sehr auf und ging zum Telefon. Er rief die Polizei , aber die  wollten nicht kommen. Herr Weil ließ den Telefonhörer fallen, ihm wurde schlecht und er fiel zu Boden , wo er verstarb.   

Leo Weil wurde auf dem jüdischen Friedhof beerdigt. Nur 4 Wochen nach Leo Weil ist seine Ehefrau verstorben. 


Wer nun denkt, die KG Humor hätte aus ihrem schändlichen Verhalten gelernt, den muss ich eines besseren belehren.  1961, 16 Jahre nach Kriegsende, wählte man einen ehemaligen SS- Mann zum Präsidenten und einen ehemaligen SA Obertruppführer zum Beisitzer. 

 Quellen: Saarländischer Rundfunk Texte und Bilder, Wilhelm Laubenthal, Merziger Volkszeitung

 

•••

Valentin Kiefer

 

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                 

Top